
EU-Erweiterung der besonderen Art: Wird Kanada das 28. EU-Mitglied?
Eine bemerkenswerte Debatte macht derzeit die Runde in den politischen Zirkeln Europas: Kanada als mögliches 28. Mitglied der Europäischen Union. Was zunächst wie ein verspäteter Aprilscherz klingen mag, gewinnt zunehmend an Fahrt - und findet überraschenderweise sogar bei den Kanadiern selbst großen Anklang.
Flucht vor Trump in die Arme Europas?
Der Zeitpunkt dieser Diskussion kommt nicht von ungefähr. Die aggressive Außenpolitik der USA unter Donald Trump, der Kanada wiederholt mit Zöllen drangsalierte und sogar dreist vorschlug, das Land als 51. Bundesstaat zu vereinnahmen, treibt unseren nordamerikanischen Partner regelrecht in die Arme Europas. Der neue kanadische Premierminister Mark Carney machte unlängst deutlich, dass die USA "kein verlässlicher Partner mehr" seien.
Überraschende Unterstützung aus der Bevölkerung
Eine aktuelle Umfrage von Abacus Data zeigt, dass sage und schreibe 46 Prozent der Kanadier einen EU-Beitritt befürworten würden. Nur 29 Prozent lehnen diese Idee ab, während ein Viertel noch unentschlossen ist. Diese Zahlen sind durchaus bemerkenswert und übertreffen sogar die Zustimmungswerte der Briten für einen möglichen EU-Wiedereintritt.
Politische Schwergewichte machen sich stark
Der ehemalige deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel gehört zu den prominentesten Befürwortern dieser Idee. Er betont, Kanada sei "europäischer als mancher europäische Mitgliedstaat" und verweist auf die strategische Bedeutung des Landes, insbesondere im Hinblick auf die Arktis. Auch der lettische Grünen-Politiker Mārtiņš Staķis wirbt für eine kanadische EU-Mitgliedschaft und verweist auf die reichen Energieressourcen des Landes.
Rechtliche Hürden und kreative Lösungen
Der größte Stolperstein auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft könnte Artikel 49 des EU-Vertrags sein, der eine Mitgliedschaft auf "europäische Staaten" beschränkt. Allerdings zeigt ein Kommissionsdokument von 1992, dass der Begriff "europäisch" nicht rein geografisch definiert ist. Kulturelle und historische Verbindungen spielen ebenso eine Rolle - ein Umstand, der die Tür für Kanada theoretisch offenlassen könnte.
Die geopolitische Dimension
In Zeiten zunehmender globaler Spannungen könnte eine EU-Mitgliedschaft Kanadas die Position des westlichen Bündnisses erheblich stärken. Besonders in der Ukraine-Politik zeigt sich Kanada als verlässlicher Partner, während die USA unter Trump ihre Unterstützung zunehmend in Frage stellen.
Die Diskussion um Kanadas mögliche EU-Mitgliedschaft verdeutlicht einmal mehr die dramatischen Verschiebungen in der geopolitischen Weltordnung. Während die USA unter Trump einen zunehmend isolationistischen Kurs fahren, suchen traditionelle Partner wie Kanada nach neuen Allianzen. Die Europäische Union täte gut daran, diese historische Chance ernsthaft zu prüfen - auch wenn der Weg zu einer Mitgliedschaft noch lang und steinig sein dürfte.
Die Definition dessen, was "europäisch" ist, unterliegt dem Wandel der Zeit und muss von jeder Generation neu interpretiert werden. Vielleicht ist es an der Zeit, unsere traditionellen Vorstellungen von Europa zu überdenken.

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